Glyphosat in Argentinien: Tödlicher Sprühregen

Argentiniens wirtschaftlicher Aufschwung seit 2003 beruht nicht zuletzt auf der Expansion des Sojaanbaus. Auf dem 3. Kongress der Ärzte werden die neuen Krankheitsbilder im Gefolge der von Agrochemie beförderten Sojaexpansion thematisiert

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Von Jürgen Vogt, neues deutschland

Als das kleine Flugzeug seine Ladung mit Glyphosat und anderen Chemikalien über die Felder versprühte, war der Traum vom Leben auf dem Land für Familie Méndez ausgeträumt. »Eingesprüht gingen wir uns sofort waschen und flüchteten in unser Haus im Ortskern«, erzählt Vater Marcelo.

Am Rande von San Nicolás, einer 150 000 Einwohner zählenden Kleinstadt in der Provinz Buenos Aires, hatte die Familie ein Grundstück gekauft und mit dem Hausbau begonnen. Seine Frau war damals schwanger. Ahnungslos und naiv, seien sie alle gewesen. »Auf den Feldern ringsum wurde gepflanzt und geerntet, aber davon, was da genau passierte, hatten wir keine Vorstellung.«

Wenige Monate nach der Geburt seiner kleinen Tochter stellten die Ärzte eine Missbildung fest. Die linke Niere funktionierte nicht, musste entfernt werden. Bei seiner Frau diagnostizierten die Ärzte Blutkrebs. Vater Méndez erzählt seine Familiengeschichte auf dem 3. Kongress der Ärzte besprühter Dörfer, stellvertretend für viele betroffene Familien in Argentinien.

San Nicolás ist überall dort, wo Soja, Mais oder Reis in großem Stil angebaut werden. Nach der Jahrtausendwende häuften sich die neuen Krankheitsbilder. »Auffällig war, dass die gleichen Symptome und Krankheiten in vielen Orten auftraten, die weit auseinanderlagen, in anderen Provinzen mit anderen sozialen Bedingungen und kulturellen Besonderheiten oder gar Ethnien. Das einzige verbindende Element war, dass dort seit wenigen Jahren Agrochemikalien versprüht wurden«, so der Mediziner Medardo Ávila.

Bereits 1996 hatte Argentinien den Anbau von genveränderten Sojasaatgut erlaubt. 2003 begann der Sojaboom, damit verbunden der steigende Einsatz von Agrochemie.

Die sozialen und gesundheitlichen Kosten tragen vor allem die rund zwölf Millionen Menschen auf dem Land. »Pestizide wurden seit den 60er Jahren eingesetzt, aber überschritten nie das Limit von jährlich etwa zehn Millionen Liter«, so Ávila. 1990 wurden 34 Millionen Liter verkauft. 2014 waren es bereits 380 Millionen Liter. Wurden vor der Jahrtausendwende während eines Anbauzyklus nur bis zu dreimal Chemie ausgebracht, so passiert es heute im Durchschnitt 18 Mal.

Erstmals veranstalteten die Ärzte ihren Kongress in der medizinischen Fakultät der Universität Buenos Aires. »Keine der großen Parteien stellt dieses Agrarmodell in Frage. Ihre Kandidaten streiten nur darum, wer von ihnen die staatliche Geschäftsführung im Interesse der Multis übernehmen darf.« Das einzig Positive: Die regierenden Peronisten spielen das Spiel mit, aber versuchen wenigstens, etwas von den Profiten umzuverteilen. Bei Soja wird eine Exportsteuer von 35 Prozent erhoben. Im Nachbarland Brasilien liegt diese gerademal bei zwei Prozent.

Erkrankungen der Atemwege, Hauterkrankungen, Missbildungen bei Neugeborenen, Fehlgeburten und Krebserkrankungen begannen sich auffallend zu häufen. 2010 schlossen sich einige wenige Landärzte zusammen und begannen mit der Erhebung von Daten. »In den Dörfern auf dem Land gibt es heute mehr Fehlgeburten als Neugeborene. Die Zahl der Missbildungen bei Neugeborenen hat sich nahezu verdreifacht. Hier sterben mehr Menschen an Krebserkrankungen als an Herz-Kreislauferkrankungen und die Betroffenen werden immer jünger«, berichtet der Mediziner.

Wie Familie Méndez stellten die wenigsten einen Zusammenhang zu den Anbaumethoden auf den sie umgebenden Ackerfeldern her. »Wenn wir dem Sprühen nicht Einhalt gebieten, verwandelt sich das ländliche Argentinien in ein Tschernobyl«, sagt Marcelo Méndez.

Vortragsreise mit Dr. Medardo Ávila Vázquez (Argentinien)

Der argentinische Arzt Dr. Medardo Ávila ist in seiner Arbeit als Neonatologe in einem Krankenhaus in Córdoba hautnah mit den Folgen des Pestizideinsatzes konfrontiert und hat dazu Forschungsprojekte durchgeführt. Den Pestizidwirkstoff Glyphosat, der seit der Ausbreitung gentechnisch veränderter Pflanzen in immer größeren Mengen eingesetzt wird, sieht er als Hauptursache der dramatischen Gesundheitssituation der ländlichen Bevölkerung. So sind zum Beispiel die Zahlen der Krebsfälle und der Geburten von missgebildeten Kindern im Umfeld von Sojaplantagen drei Mal höher als in Städten. Während seiner Vortragsreise berichtet Dr. Medardo Ávila darüber, warum er sich für ein Verbot von Glyphosat und ein grundsätzlich anderes Agrarsystem einsetzt.

Die Veranstaltungen:

01.11.2015 Aachen: 19.00 Uhr, Welthaus Aachen
02.11.2015 Bonn: 12.30 Uhr, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik
03.11.2015 Berlin: 11.00 – 15.00 Uhr, Tagung Glyphosat, Heinrich-Böll-Stiftung
05.11.2015 Hamburg: 18.00 Uhr, Hochschule Fresenius
06.11.2015 Oberursel (bei Frankfurt a. M.): 20.00 Uhr, Stadthalle Oberursel

WDR-Sendung „Gift im Acker – Glyphosat, die unterschätzte Gefahr?

(Eine kritische Wissenschafts-Dokumentation, die hinter den Kulissen der Argarkonzerne sich mit verschwiegenen Nebenwirkungen des meistbenutzten Pflanzengifts Glyphosat beschäftigt, das längst auch in unserer Nahrung landet. Kritische Wissenschaftler, aber auch Landwirte und  selbst die WHO stellen hormonelle, krebsinduzierende Wirkungen fest – dagegen gibt es keine Nebenwirkungen, wie die Industrie und Behörden behaupten. Worum geht es, was sind die Beweise –  Ein Wissenschaftskonflikt entfaltet sich, zwischen Landwirtschaft, Laboren, Behörden, Industrie und gibt neuartige Einblicke über dieses mit bloßem Auge nicht sichtbaren Glyphosats.)

Foto: cdn-pix via Flickr

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